Überarbeitete Version vom 20. Mai 2015; Die erste Version wurde am 28. März 2014 verschickt.

Hallo! 

In dieser Rundmail werde ich von einigen Aspekten berichten, die mich beschäftigen und beeindrucken. 
Ich sende ganz liebe Grüße aus Balanka und wünsche viel Spaß beim Lesen! 

Joscha

Klima

In Balanka gibt es eine Trocken- und eine Regenzeit. Diese beiden Jahreszeiten wechseln sich ungefähr halbjährig ab. Die Trockenzeit dauert ungefähr von Oktober/November bis März/April, wobei ich zum Ende noch nichts Genaues sagen kann. Anfang Oktober bin ich also noch während der Regenzeit in Balanka angekommen. Ich erinnere mich an einige, zum Teil sehr starke Regenfälle, die bis zum letzten Niederschlag Anfang November immer seltener wurden. Anschließend regnete es bis auf einen kleinen Schauer im Januar für fast vier Monate nicht mehr. Aber das ist noch lange nicht alles, was das Klima zu bieten hat: 

Mit dem fehlenden Niederschlag wurde es trockener. Dies lag auch maßgeblich an einem kalten, trockenen Passatwind aus Nord-Ost, der hier Harmattan genannt wird. Der Harmattan verstärkte die Trockenheit und wirbelte lockere, trockene Erde auf. Dies merkte ich vor allem daran, dass sich überall, wo nicht regelmäßig geputzt wurde, eine Staub- bzw. Sandschicht innerhalb weniger Tage absetzte. 
Neben Trockenheit und Staub war der Harmatten auch dafür verantwortlich, dass die Temperaturen während der Nacht stark sanken. Im Laufe der Zeit bewegte er immer kältere Luft heran, bis die Spitze um Weihnachten herum erreicht war, als die Temperatur morgens vor dem Sonnenaufgang auf schätzungsweise 15 °C sank. Trotzdem wurde es Mittags noch um die 30 °C heiß. Damit gab es zu dieser Zeit im Tagesverlauf Temperaturschwankungen von ungefähr 15 °C.
Viele Bewohner_innen Balankas haben sich gegen die Kälte mit dicken Jacken geschützt, deren Maße mich an deutsche Winterjacken erinnerten. Ich habe sogar drei Kinder in Schneeanzügen gesehen. 
Eines Morgens machte ich auch eine unerwartete Erfahrung mit der Kälte: Ich bin direkt nach dem Sonnenaufgang mit dem Motorradtaxi gefahren, habe aber nur Flip-Flops an den Füßen getragen. Nach einiger Zeit hatte ich dann aufgrund des Fahrtwindes das Gefühl, meine Füße seien eingefroren. 

Seit Weihnachten ging die Intensität des Harmattans aber langsam wieder zurück. Es wurde morgens wieder wärmer und eines Tages gab es einen kurzen Schauer, wie oben schon angesprochen. 
Dieser Schauer war der Beginn einer Phase, in der es heiß und drückend war. Die Temperatur stieg mittags auf 35-40 °C an, um nachts bis auf 25-30 °C abzusinken. 
Seit Ende Februar bis heute gab es zudem kleinere Schauer und auch stärkere Regenfälle. Dies interpretiere ich als den Übergang zur Regenzeit.

Sprachenvielfalt

Karte der Region Balankas

Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Vielfalt der Ethnien und damit auch der Sprachen in Togo. Nach Sarafa, einem Freund aus Balanka, gibt es 42 oder 44 verschiedene Ethnien, die ihre eigene Sprache sprechen. Er konnte sich nicht mehr genau an die richtige Anzahl erinnern. 

In der Region von Balanka sieht es zum Beispiel wie folgt aus: 
Die Sprache Balankas ist ein Dialekt von Anii, das in Form von anderen Dialekten auch in den Nachbarorten Kouloumi und Bassila (Benin) sowie in weiteren Orten in Benin gesprochen wird. In Kamboli und Aoro (Benin) werden Dialekte der Sprache Ana gesprochen, die ebenfalls in weiteren Ortschaften in Benin verbreitet ist. In Tchamba und Koussountou werden jeweils eigene Sprachen gesprochen, die den Namen ihres Ortes tragen. 

Zur Sprachenvielfalt muss ich auch sagen, dass es zum Beispiel im Süden von Togo und im Südosten von Ghana einen großen Bereich gibt, in dem die gleiche Sprache, nämlich Éwé, gesprochen wird. Eine zur selben Sprachfamilie gehörende Sprache ist auch Fon, das in Großteilen von Benins Süden gesprochen wird. 
Es gibt also Sprachen und Sprachfamilien, die in größeren und kleineren Bereichen gesprochen werden. 

Sarafa hat mir erzählt, dass er mit seinen Kenntnissen des Anii-Dialektes aus Balanka die Dialekte von Kouloumi und Bassila verstehen könne. Außerdem verstehe und spreche er Ana, da er in Kamboli aufs Gymnasium gegangen sei. Hingegen verstehe er kein Koussountu oder Tchamba. 
Neben Anii und Ana spreche Sarafa noch Yoroba, da er als Kind einige Jahre in Lagos (Nigeria) gelebt habe, wo unter anderem Yorouba gesprochen werde. Zudem spreche er Kotokoli (Sprache aus Sokodé in Togo), was er bei Konversationen mit Ortsauswärtigen gelernt habe, die mit Menschen in Balanka Kotokoli gesprochen hätten. Kokotoli sei eine überregionale Sprache, die durch Händler aus Sokodé verbreitet worden sei.
Außerdem spreche er Französisch, das er in der Schule gelernt habe und er verstehe ein bisschen Éwé, da er einige Zeit seiner Kindheit im Süden Togos verbracht habe. 

Mit der Kenntnis vieler verschiedener Sprachen ist Sarafa keine Ausnahme: Ich bin auf viele Leute getroffen, die wie er im Laufe ihres Lebens viele Sprachen gelernt haben. Der Grund dafür ist, dass diese Menschen in verschiedenen Sprachregionen oder mit Menschen aus verschiedenen Sprachregionen gelebt haben. 
Als weiteres Beispiel dafür folgt nun ein Lebenslauf meines Gastvaters Souleman [1], der sich an den erlernten Sprachen orientiert. Dabei habe ich jene dreizehn Sprachen kursiv geschrieben, die Souleman nach eigener Aussage fließend spricht. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass er nicht alle auf dem Niveau seiner Muttersprache Balanka beherrscht. In Klammern erwähne ich dabei häufig das Herkunftsland der erlernten Sprachen. 

Souleman ist 1952 in Balanka als eins von sechs Kindern geboren und erlernte Balanka als Muttersprache. In seinen ersten Jahren lebte er mit seinen Eltern auch für 8 Monate im Nachbardorf Koussountou, wodurch er Koussountou lernte. 
Bald ist er mit seinen Eltern nach Kumasi in Ghana gezogen, da seine Eltern dort Arbeit gefunden hatten. In Kumasi lebten sie in einem Hof mit Ashanti-(Ghana), Fante-(Ghana), Ahaoussa-(Nigeria), Kotokoli-(Sokodé in Togo) und Mossi-Sprechern (Burkina Faso). So erlernte er auch diese Sprachen. Dafür war zudem maßgeblich, dass Souleman zusammen mit einigen Kindern aus seinem Hof begann, in Kumasi zur Schule zu gehen, wodurch er viel Kontakt mit den genannten Sprachen hatte. 
Die Schule, das „Ghana institute of languages“, besuchte er bis zur sechsten Klasse, wobei er neben Englisch auch ein bisschen Französisch und Arabisch lernte. 
Im Alter von 14 Jahren musste Souleman aufgrund des Todes seines Vaters die Schule abbrechen, da seine Mutter alleine das Schulgeld nicht bezahlen konnte. Deshalb begann er eine Ausbildung zum Automechaniker, die er erfolgreich abschloss. In den folgenden Jahren arbeitete er als Busfahrer in Ghana und lebte einige Zeit in Lomé, wo er Éwé lernte. Danach ließ er sich in Nigerias größter Stadt Lagos nieder, um als Automechaniker zu arbeiten. Dort eignete er sich Yorouba und Ibo an (beide aus Nigeria). 
Bald kehrte Souleman nach Balanka zurück und heiratete seine beiden Frauen, mit denen er nach einigen Jahren wieder nach Lagos umzog. Dort konnte er wieder seiner Arbeit als Automechaniker nachgehen. In Lagos wurden auch die ersten Kinder geboren, die auf diese Weise neben Balanka auch schon Yorouba erlernten. Als der älteste Sohn Moumouni fünf Jahre alt war, zog die Familie wieder nach Balanka um, wo sie bis heute lebt. 
Während der letzten zwanzig Jahre in Balanka im frankophonen Togo verbesserte sich auch Soulemans Französisch. Beim Bau der Bibliothek erlernte er außerdem Tchamba, da dabei einige Menschen aus Tchamba mitarbeiteten. 

Nun habe ich von etlichen Menschen gesprochen, die eine Vielzahl von Sprachen im Laufe ihres Lebens erlernen. Es gibt aber auch Personen, die wenig Sprachen sprechen: Der Bibliothekar Afissou spricht beispielsweise Anii und Französisch und die Bibliothekarin Barkissou spricht Anii, Kotokoli und Französisch. Und in Balanka sind bestimmt auch Menschen zu finden, die nur Anii sprechen.

1) Anstatt meinen Gastvater wie in der letzten Rundmail Batchene zu nennen, nutze ich seinen eigentlichen Namen Souleman. Batchene heißt nämlich „Papa“ auf Balanka. Zurück zur Textstelle

 

Artikel von Joscha, Freiwilliger der Bibliothek in Balanka 2014/2015