Überarbeitete Version vom 20. Mai 2015; Die Originalversion wurde am 22. Dezember 2014 verschickt. 

Hallo liebe Familie, liebe Freunde und liebe Interessierte! 

Seit meinem letzten Bericht vor fast drei Monaten ist viel passiert. Im Folgenden probiere ich, das Geschehene ein wenig mit euch zu teilen. Dabei kann ich leider nur von einem winzigen Bruchteil erzählen, da der Bericht sonst jegliche Rahmen sprengen würde. 
Zudem möchte ich zunächst noch einmal auf die Subjektivität meiner Darstellung hinweisen und darum bitten, meine individuellen Erfahrungen nicht zu verallgemeinern.

 Handgezeichnete Karte von Togo

Anfang Oktober bin ich mit meiner Mitfreiwilligen Sarah nach Balanka gefahren. Dafür haben wir von Kpalimé aus mit einem Kleinbus ungefähr 400 Kilometer hinter uns gebracht. Zunächst ging es mit Zwischenstopps in Atakpamé und kleineren Städten Richtung Norden, bis wir in Sokodé ankamen. Von Sokodé aus ist unser Bus dann Richtung Benin nach Osten gefahren, um uns drei km vor der Grenze in Balanka abzusetzen. 
Mit uns waren 15 weitere Personen und viel Gepäck auf dem Dach des Kleinbusses unterwegs. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass nicht alle Busse in Togo hoch beladen und mit Personen „zugestopft“ sind. Zwischen Lomé und Dapaong fahren auch viele große Reisebus mit Fernseher und Klimaanlage. Mit diesen Reisebussen lässt sich Sokodé und nach einer weiteren Motofahrt auch Balanka wesentlich schneller erreichen als mit dem kleinen Direktbus, der uns das erste Mal nach Balanka brachte. Denn der Direktbus hielt in vielen Städten und wurde von drei Reifenwechseln aufgehalten.

So kamen Sarah und ich das erste Mal in Balanka nach 13 Studen Busfahrt um zwei Uhr nachts an. Trotz der späten Stunde wurden wir herzlich von unserem Gastvater Batchene, der Gastmutter Wetaou und den Gastgeschwistern Saouda, Kabirou und Baki empfangen. Sie halfen uns beim Tragen des Gepäcks in das Haus, in dem wir wohnen dürfen. Es liegt nur circa 50 m vom Haus der Gastfamilie entfernt. 
Nach der langen Fahrt war ich müde und froh, in Balanka, dem Ort, in dem ich bis August nächsten Jahres leben werde, angekommen zu sein. 

Balanka ist ein überwiegend muslimisches Dorf, das ungefähr 9000 Einwohner_innen zählt, und im Zentralosten Togos liegt. Ich würde Balanka als eine Kleinstadt bezeichnen, jedoch möchte ich die Bezeichnung „Dorf“ nutzen, da viele Bürger_innen Balankas ihren Ort als ein Dorf bezeichnen. 

Nachfolgend stelle ich nun einige Ausschnitte meines Alltages in Balanka vor:

Auschnitte meines Alltags in Balanka

Mein Alltag in Balanka beginnt morgens um sieben Uhr mit dem Klingeln meines Weckers. Ich stehe auf, wünsche meiner Mitfreiwilligen Sarah einen guten Morgen und gehe mit ihr in den Garten unseres Hauses, um zu Wässern. 
Unser Haus ist im Gegensatz zu den meisten anderen Häusern in Balanka direkt von einem Garten umgeben. Zum Beispiel liegt das Haus unserer Gastfamilie an einem Hof, indem auch Ziegen, Schafe und Hühner gehalten werden. Bis auf einige Bäume wächst dort dementsprechend nichts. Einen Gemüsegarten hat unsere Gastfamilie aber trotzdem. Er ist nicht weit von ihrem Haus, leicht außerhalb von Balanka gelegen. 
Zum Wässern holen wir Wasser in Eimern aus dem Brunnen einer Nachbarsfamilie. Im Garten gibt es viele Pflanzen: Unter anderem Tomaten, Zitronengras und kleine Papaya-, Mango- , Avocado, und Orangenpflanzen. Außerdem steht dort viel Mais, der Anfang November von unserer Gastfamilie geerntet wurde und nun langsam vertrocknet. So ergeht es allen nicht gewässerten Pflanzen, denn seit Anfang November hat es nur ein Mal geregnet. Damit hat die Trockenzeit begonnen, die bis zum April anhalten wird. 
Nach der Arbeit im Garten bereiten Sarah und ich unser Frühstück vor. Oft gibt es „bouillie“ (flüssiger Maisbrei) mit Orangen oder Bananen und frittierten Teigbällchen. All dies wird an den Straßen oder in Gehöften morgens verkauft. 

Kurz vor neun brechen wir auf, um zur Arbeit zu gehen. Dafür legen wir ganze 200 Meter zurück. Auf halben Weg befindet sich das Haus unserer Gastfamilie, an dem wir morgens nur vorbeigehen, denn die Arbeit wartet auf uns. 
An unserem Arbeitsplatz, der Bibliothek Fernanda Warawoul de Balanka, angekommen, treffen wir auf den Bibliothekar Afissou und die Bibliothekarin Barkissou, die auch um neun ihre Arbeit beginnen. Die Bibliothek ist ein großes, zweistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoss befindet sich ein großer Raum, in dessen einer Hälte die Bücher und einige Sitzmöglichkeiten zu finden sind. In der anderen Hälfte haben das Cyber-B@lanka, ein Computerkabinett mit Internetzugang, ein Kopierer und der Bibliothekarsschreibtisch ihren Platz.

Die Bibliothek von vorne 

Die eine Hälte des Bücherraums 

Die drei Computer des Cyber-B@lanka

 

Im Erdgeschoss gibt es außerdem einen Raum, in dem Handys gegen eine geringe Summe aufgeladen werden. Dieses Angebot wird jedoch fast nicht mehr genutzt, da Balanka seit August ans Stromnetz angeschlossen ist und nun die Mehrheit der Bürger_innen ihr Handy zu Hause auflädt. Zuvor war die Bibliothek mit ihrer Solaranlage ein sehr beliebter Ort zum Handyladen. 
Im ersten Stock der Bibliothek befindet sich ein großer Saal, den Sarah und ich für unsere Hauptaufgabe, der Schaffung eines Bildungs- und Freizeitprogramms für Kinder, Jugendliche und/oder Erwachsene, nutzen. Und als Mitarbeiter der Bibliothek ist es uns auch möglich, ganz nach oben aufs Dach zu steigen und die Aussicht über Balanka zu genießen. Höher als die Bibliothek ist nur die große Moschee, die in geringer Entfernung in einem schönen Rosarot erstrahlt.





Ausblick vom Dach der Bibliothek

In der Bibliothek sind Sarah und ich von 9 bis 12 Uhr beschäftigt das besagte Bildungs- und Freizeitprogramm vorzubereiten. Dies setzen wir wie folgt um: Jeden Abend von 18:30 Uhr bis 20:00 Uhr gibt es einen Club, der vom Konzept mit einer AG vergleichbar ist. Dabei ist uns die freiwillige Teilnahme besonders wichtig. 
Montags gibt es einen Lektüre-Club für Grundschüler, dienstags einen Mathe-Club, mittwochs einen Lektüre-Club für Schüler des „collège“ (7.-10. Klasse), donnerstags einen Spiel-Singe-Spaß-Club und freitags Computerkurse.

Unser Clubangebot

Neben diesen abendlichen Clubs übernehmen Sarah und ich auch einige andere Aufgaben. Zum Beispiel kümmern wir uns um Probleme mit Computern, betreuen Klienten des Internetcafés, stellen Ausleihkarten aus oder fertigen Fotokopien an - allgemeine Bibliotheksarbeit. 

Um 12 Uhr beginnt die Mittagspause. Zunächst spülen wir zu Hause das dreckige Geschirr der letzten Mahlzeiten ab. Danach gehen wir zum Essen in unsere Gastfamilie. Dort gibt es meist eine Variation aus Bohnen, Reis, Mais, Nudeln, Yams oder Couscous mit einer Tomaten-, Erdnuss- oder Sesamsoße. 
Die Gastfamilie besteht aus unserem Gastvater Batchene, den zwei Gastmüttern Wetaou und Mommy sowie 15 Kindern: Moumouni, Saouda, Awaou, Ibrahime, Kabirou, Samsié, Mourdjana, Foussena, Assana, Baki, Wassiou, Koudous, Mouisse, Moustakim und Latifou. Die eine Gastmutter haben wir jedoch noch nicht kennengelernt, weil sie ihre kranke Schwester in Coutounou, der größten Stadt des Nachbarlandes Benin, pflegt. 
Nach dem Mittagessen bleiben Sarah und ich noch so lange wie möglich in der Familie, um mit einigen Gastgeschwistern Zeit zu verbringen. Oft spielen wir Karten oder unterhalten uns. Dabei lernen Sarah und ich von ihnen hier und da auch ein paar Balanka-Vokabeln. Balanka heißt nämlich auch die hier gesprochenen Sprache. Um sie ein wenig zu lernen, haben wir einmal pro Woche Balanka-Unterricht. Für unsere Kommunikation in der Familie und im Dorf ist das Erlernen der Sprache auf einem Basisniveau sehr wichtig, da im Alltag überall außer in den Schulen und in der Bibliothek Balanka gesprochen wird. 
Der Aufenthalt in der Familie dauert meist jedoch nicht lange, da Sarah und ich oft das Bedürfnis haben, in unser Haus aufzubrechen, um noch ein bisschen Zeit für uns selber zu haben. Den Rest der Mittagspause nutze ich also, um Berichte wie diesen zu schreiben, ein bisschen zu lesen oder einen Mittagsschlaf zu machen. 
Das Haus, in dem wir wohnen, gehört der Projektinitiatorin der Bibliothek, Koko, die aus Balanka kommt, aber heute in Potsdam wohnt. Wenn sie nach Balanka kommt, ist dieses Haus auch ihre Unterkunft. 

Gegen 16 Uhr brechen Sarah und ich wieder in die Bibliothek auf. Dort treffen wir letzte Vorbereitungen für den Club des Abends. Beispielsweise heißt das, dass wir Matheaufgaben oder Texte zum Lesen raussuchen. Wenn wir eine dritte Meinung bezüglich unserer Vorbereitung benötigen, können wir den Bibliothekar Afissou fragen. 
Ab 18 Uhr kommen die ersten Kinder für den Club, der aber erst gegen 18.30 Uhr richtig anfängt und bis 20.00 Uhr stattfindet. Danach dauert es meistens noch bis 20.30 Uhr, bis wir die Bibliothek verlassen, da wir noch ein bisschen mit Aufräumen beschäftigt sind. Das Clubangebot läuft nun seit fünf Wochen. Je nach Club kamen zwischen 10 (für den Computer-Kurs) und 60-80 Kindern (Spiel-Singe-Spaß-Club). Die Anzahl der teilnehmenden Kinder ist etwas rückläufig. Dies ist aber vermutlich auch normal, da die neuen Clubs zunächst eine Attraktion waren und nach und nach nur noch die wirklich interessierten Kinder kommen. 
Erfreulicherweise arbeiten wir bei einigen Clubs mit einigen Lehrern, sowie Sarafa, einem jungen Mann aus Balanka zusammen. 
Diese Arbeit macht mir insgesamt großen Spaß. 

Nach der langen Abendeinheit gehen Sarah und ich zum Essen in die Familie. Anschließend unterhalten wir uns noch ein bisschen, manchmal auch mit Batchene oder Gastgeschwistern, die jedoch öfters schon schlafen. Dann kehren Sarah und ich zurück in unser Haus und gehen bald ins Bett. 


So sieht mein Alltag inzwischen seit fünf Wochen aus. Zuvor haben Sarah und ich einige Zeit für die Erstellung und Ausarbeitung unseres Clubangebotes gebraucht. Außerdem haben wir das Angebot in den sieben Schulen Balankas beworben und einen ersten Informationsabend veranstaltet. Leider mussten wir den Beginn der Clubs um zwei Wochen herauszögern, da Sarah und ich wegen einer Verletzung von Sarahs Fuß zwei Wochen in Lomé verbringen mussten.

Ein weltwärts-Süd-Nord-Freiwilliger

In Lomé sind wir bei zwei Familien untergekommen, die aus Balanka kommen. Das heißt, wir haben bei einer Familie geschlafen und sind zum Essen zwischen den beiden Familien gependelt. Mit dem Sohn der einen Familie, Zoulka, haben wir viel Zeit verbracht, weil er bei meiner Entsendeorganisation in Deutschland, den ijgd (Internationale Jugend- und Gemeinschaftsdienste), für ein weltwärts-Jahr angenommen wurde. Als wir in Lomé ankamen, blieben ihm noch zwei Wochen bis zu seinem Abflug nach Berlin. 
Zoulka hat uns unter anderem die Näherei Zam-Ké gezeigt, in der Plastiksäckchen wiederverwendet werden, um daraus Portemonnaies und Rucksäcke herzustellen. Zuvor wurde in den Plastiksäckchen Trinkwasser verschweißt, das viele Togolesinnen und Togolesen trinken. Wenn diese Säckchen leer getrunken sind, landen sie oft auf der Straße. Diese scheinbar nutzlose Ressource macht sich die Näherei Zam-Ké zu Nutzen. 
Während der Aktivitäten mit Zoulka haben Sarah und ich uns sehr viel mit ihm ausgetauscht. Ich empfand es als sehr spannend, mit ihm zu diskutieren und ihm bei der Vorbereitung auf seine Zeit in Berlin ein bisschen zu helfen. Anfang November ist Zoulka dann nach Berlin geflogen, wo er nun in einer internationalen Schule im Stadtteil Wedding arbeitet. 
Damit ist Zoulka ein weltwärts-Süd-Nord-Freiwilliger. Diese Richtung des weltwärts-Programms besteht dieses Jahr zum ersten Mal, jedoch gibt es nur bis zu 100 Plätze. Ich hoffe, dass sich die Anzahl der Freiwilligen in den nächsten Jahren erhöhen wird. Denn im Moment absolvieren jedes Jahr rund 3500 deutsche Freiwillige ein weltwärts-Jahr in anderen Ländern. Dies ist in meinen Augen absolut kein gleichberechtigter Austausch, der meiner Meinung nach aber sehr wünschenswert ist. (Quelle der Zahlen: www.weltwärts.de/faq-sued-nord.html bzw. www.weltwärts.de/programm.html; 20.12.2014)

 

Ausblick

Mittlerweile bin ich schon seit fast vier Monaten in Togo, davon ungefähr zweieinhalb in Balanka. Ich habe mich in der Bibliothek eingearbeitet, die Familie und Balanka ein bisschen kennengelernt - um das Geschene grob zusammenzufassen. Diese Zeit war einerseits wahnsinnig intensiv, andererseits ist sie verflogen. Und es bleiben noch acht Monate. Somit gibt es noch viel Zeit, um mit Sarah einige unserer vielen Aktionsideen in der Bibliothek umzusetzen, Balanka noch mehr kennenzulernen, ein bisschen zu reisen und vor allem mich dabei mit vielen Menschen auszutauschen. Darauf freue ich mich sehr. 

Ganz liebe und warme Grüße aus Balanka, 

Joscha 

Artikel von Joscha, Freiwilliger der Bibliothek in Balanka 2014/2015